Parkinson und Weiterbildung

Am Anfang des Parkinson-Netz-Projektes stand die Idee, eine Art Internet-Selbsthilfegruppe zu bilden. Doch schon kleinere Vor-Recherchen der Initiatoren dieser Idee zeigten, daß die Zahl der Parkinsonbetroffenen mit ausreichenden Computerkenntnissen verschwindend gering ist. Vor der Gründung einer Web-Redaktion bestand also zunächst ein deutlicher Schulungsbedarf für die zukünftigen Redaktionsmitglieder.

Die BOV Computersysteme GmbH, das EDV-Schulungsunternehmen, von dem aus auch die Initiative zu dem gesamten Projekt ausging, trat eines Tages an mich als Trainer mit einiger Berufserfahrung heran und bat mich, die Ausbildung der zukünftigen Redakteure zu übernehmen.

Ich hatte bis dahin noch nie mit sogenannten Behinderten gearbeitet, ehrlich gesagt wußte ich noch nicht einmal, was das Parkinson-Syndrom genau ist, außer daß Muhammed Ali daran erkrankt ist. Diese Wissenslücke zu schließen erforderte weit mehr Aufwand als erwartet und machte mir mehr als deutlich, wie notwendig eine Parkinson-Netz-Redaktion für der deutschsprachigen Raum war.

Doch mit all den Informationen, die ich vor allem aus den USA und Skandinavien erhielt, wußte ich zwar bald recht viel über Symptome, kannte Tremor und Rigor, und lernte, daß es im menschlichen Gehirn eine "subtantia nigra" gibt, die ursächlich mit all‘ dem in Zusammenhang steht, aber die wichtigste Frage für die Weiterbildung war völlig offen: Wie geht man mit Parkinsonisten in Schulungen um? Sind sie genauso belastbar, leistungs- und lernfähig wie der durchschnittliche "gesunde" Teilnehmer in meinen Seminaren?

Einige Menschen, die bereits Erfahrung im Umgang mit Parkinsonisten hatten, versuchten mir zu beschreiben, wo eventuell Probleme liegen könnten, womit ich zu rechnen hätte etc., doch alle diese Leute kamen aus dem medizinischen oder sozialen Bereich und hatten keinerlei Schulungserfahrung mit Parkinsonisten.

Mir blieb also nichts anderes übrig, als mich auf die Sache einfach einzulassen und zu sehen, wie ich da durchkommen würde. Ich sagte mir, im Grunde genommen sind alle Menschen, welche Erkrankung sie auch immer haben mögen, in erster Linie Menschen, und nur, weil der eine oder andere vielleicht einen etwas anderen, eventuell fehlerhaften Stoffwechsel hat, heißt das noch lange nicht, daß er dümmer oder weniger begriffsfähig ist als der "Normale".

Und ich sollte Recht behalten: Alle Parkinsonisten, die die Schulung besuchten, stellten sich auch nicht ungeschickter oder dümmer an als durchschnittliche Seminarteilnehmer. Im Gegenteil: Viele von ihnen begriffen dieses Projekt als große Chance, endlich aus ihrem Schneckenhaus kriechen zu können, in das sie sich seit der ersten Diagnose immer weiter hinein zurückgezogen hatten. Die Motivation und Begeisterung für die Sache war dementsprechend deutlich höher als bei einer Teilnehmergruppe, die von ihrer Firma in das Seminar geschickt wird.

Und auch die Parkinsonisten merkten schnell: Da vorn steht einer, der nimmt sie für voll. Der hält einen nicht für bekloppt oder gar weniger wert, nur weil mal die Beine nicht so wollen wie der Kopf.

Denn ein Körperteil funktioniert auch bei Parkinsonisten immer noch mit der gleichen Zuverlässigkeit wie bei einem gesunden Menschen: Der lernende, der kreative, der denkende Teil des Gehirns. Seine Funktion mag durch psychologische Effekte (-> "Psychologische Effekte bei Parkinson"), auch im Zusammenhang mit dem Syndrom, gehemmt sein, doch das ist sie bei gesunden Menschen ganz genauso. Diese Hemmungen lassen sich mit dem einfachen methodischen Handwerkszeug eines durchschnittlichen Trainers/Weiterbildners/Lehrers überwinden.

Mein Rat an alle, die auch mit Parkinsonisten arbeiten wollen oder zusammenleben:

  • Nehmen Sie diese Menschen wie sie sind.
  • Behandeln Sie sie, wie Sie selbst behandelt werden möchten.

Veilleicht schauen Sie auch mal in meine Trainertips, wo Sie ausfürlichere Informationen finden.

Die Arbeit mit den Parkinsonisten hat mir soviel Spaß bereitet, daß ich bis heute ehrenamtlich Mitglied der Redaktion geblieben bin und der Redaktion für technische und organisatorische Fragen zur Verfügung stehe.

Olaf Lischke


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