Psychologische Effekte bei Parkinsonisten

 

Der folgende Text dient als Hintergrundinformation zu dem Artikel "Parkinson und Weiterbildung" und erhebt keinen Anspruch auf umfassende Analyse der psychologischen Situation Parkinsonkranker. Diese finden Sie in "Psychologische Faktoren bei Morbus Parkinson" von Prof. Dr. H. Ellering

 

Das Parkinsonsyndrom gehört ab einem gewissen Stadium zu den Krankheiten, deren Symptome sich nicht mehr ohne weiteres verbergen lassen. Leider stehen die Symptome in krassem Widerspruch zu dem, was wir bereits als Kinder antrainiert bekommen haben: Nicht herumzuzappeln, deutlich zu sprechen etc. Spätestens als junge Erwachsene lernen wir außerdem, und möglichst effizient zu bewegen, d.h. alle unsere Tätigkeiten haben einen "Sinn", und wenn sie in Wirklichkeit keinen haben, lernen wir, so zu tun, als hätten sie einen.

Hingegen der Parkinsonist: Er hampelt, er wackelt mit Körperteilen, wenn er eigentlich stillsitzen sollte, er spricht undeutlich oder gar unverständlich, und manchmal kann er einfach nicht losgehen, obwohl die Ampel grün zeigt. Kurz, er benimmt sich wie ein ungezogenes, unhöfliches Kind.

Natürlich tut er das nicht absichtlich, und das ist das Unfaire an dieser Krankheit. Auch ein Parkinsonist hat irgendwann dieselbe Erziehung genossen wie alle anderen, doch jetzt läßt etwas in seinem Körper, was er nicht kontrollieren kann, ihn, den Wohlerzogenen, gegen alle diese Regeln verstoßen. Er weiß, daß unsere Gesellschaft bei vielen dieser Regeln auf unbedingte Einhaltung besteht und jede Abweichung unbarmherzig bestraft, sei es durch Mißachtung, Mißfallensäußerungen oder, noch schlimmer, durch Bloßstellungen jedweder Art.

Um solchen Konflikten aus dem Weg zu gehen, neigen fast alle Parkinsonisten dazu, sich selbst "wegzusperren". Sie igeln sich zuhause ein, verlassen ihr trautes Heim nur noch in den allernotwendigsten Fällen und kapseln sich selbst von Freunden und Bekannten immer mehr ab. Durch all‘ das sinkt das eigene Selbstvertrauen immer weiter, niemand nimmt mehr Notiz von einem, viele Dinge, die früher Spaß gemacht haben, gehen jetzt nicht mehr in dieser Form.

Im allerungünstigsten Fall gehört der Lebenspartner ebenfalls zu dem Personenkreis, der Regelverstöße sanktioniert oder zumindest nicht wirklich tolerieren will oder kann.

 

Natürlich spielt in diesem Zusammenhang die Diagnose selbst auch eine entscheidende Rolle. Die Gleichung "krank = weniger wert" ist Bestandteil unserer Leistungsgesellschaft. Bei jungen Parkinsonisten werden schlagartig viele Lebensziele in Frage gestellt, Träume zerplatzen und der motivations- und sinnstiftende Beruf muß in gar nicht all zu ferner Zukunft aufgegeben werden.

Da Parkinson sehr häufig schon von Depressionen begleitet wird, bevor erste körperliche Symptome spürbar werden, ist der Parkinsonist in vielen Fällen zum Zeitpunkt der Diagnose psychisch bereits angeschlagen, was sich im weiteren Lebensverlauf nicht positiv auswirken wird.

 

Olaf Lischke

 


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