23.07.1996

Ein Parkinsonist erwacht.

Manfred Hilbig

Hilf Himmel, erst 4 Uhr - und schon wach.

Schon wieder wach. Soll ich aufstehen? - Liegenbleiben?

Alles schmerzt - Gelenke - Muskulatur - die Bänder in den Kniekehlen. - der Rücken im Beckenbereich - die Schultern - gibt's noch mehr?

Dazu diese elende Steifheit durch den ganzen Körper - als wäre man mit Blei ausgegossen. Wenn Andere des Nachts im Bett sich wohlig drehen weil der Körper seine Entspannung und Erholung sucht, wird mir derselbe Vorgang zur gewalttätigen Tortur, und immer voll wach - nichts geht mehr automatisch - per Verstand muß ich mir erklären, wie nun nach der Wende wo und welche Gliedmaßen zu liegen haben. Erst dann schlafe ich wieder ein.

Ein Schlaf wie ein Flickenteppich - Stückchen für Stückchen - und durchwebt mit seltsam hellsichtigen Träumen.

Das Beste ist, ich blieb auf dem Rücken liegen - der standhafte Zinnsoldat - umgfallen.

Das gleiche Bild gebe ich ja wohl auch in der Öffentlichkeit ab.

Neulich kam des Nachbars Töchterlein dazu, als ich vor der Haustür den Gehweg kehrte. Der kleine Naseweis beobachtete mich plötzlich sehr konzentriert, wie ich den Besen schwang d.h. zu schwingen versuchte. Jede Bewegung wird ja immer wieder durch die entgegengesetzte Muskelgruppe aufgehoben. Will ich die Tür öffnen, sagt ein anderer Impuls: Tür schließen und raus kommt ein jämmerliches, schwächliches Unternehmen, wie bei der Eisenbahnfahrt damals.

Angekommen im Bahnhof, bekam ich nicht die Tür auf, woraufhin eine junge Frau, zu allem Überfluß auch noch sehr attraktiv, mit leisem Spott im Lächeln sagte: "Na, dann woll´n wir mal!"

Wie gehe ich mit meiner Scham um, ein immer wiederkehrendes Erlebnis.

Also der Blondkopf von nebenan, nach einer Weile meiner schweißtreibenden Versuche: Besen vorschieben, Besen zurückziehen - immer das Bild der Profi-Straßenreiniger vor Augen, die das bewunderungswürdig mit nicht erlahmenden Schwung machen, sagt das Engelchen also:

"Onkel, ist denn der Besen so schwer - ich hol Dir unseren!"

Wenn ich die Tabletten jetzt schon nähme, könnte ich an diesem schönen Morgen früher aktiv werden.

Aber dann reicht mein Betätigungsvermögen nur bis gerade mal zum frühen Mittag.

Da stehe ich wahrscheinlich wieder mal im Supermarkt in der Kassenschlange, eingefroren, geschlagen mit dem Gefühl von Enge - der schmale Kassengang - die vielen Menschen, ungeduldig und hastend, alle viel schneller als ich, wendiger. Von hinten wird mir der Einkaufswagen schmerzhaft in die Ferse geschoben, was sofort meinen Tremor im Arm zum Flattermann macht, jetzt für Alle sichtbar, weil ich mich halt aufrege. Dann ziehe ich, endlich an der Kasse, das Portemonnaie. Aber statt zu zahlen, pladdert mir das ganze Kleingeld auf die Fliesen. Billig - Show im Supermarkt

Und wieder das schmerzhafte Bücken beim Einsammeln der Münzen.

Die Schmerzen bleiben denn nun wieder den halben Tag, wenn nicht länger, wie neulich nach der halben Stunde Gartenarbeit - wie einer, der noch den Kaiser erlebt hat, kroch ich Stunden danach durchs Haus.

Ich werd wohl das Kleingeld lose in der Hosentasche tragen. Dort kann ich es mit mehr Sicherheit im Handteller sammeln und ans Tageslicht befördern.

Anne wird mühsam ihren Unmut verbergen, wenn sie das Loch in der Tasche bemerkt, welches die schweren Münzen mit der Zeit reißen. Rechts habe ich ja auch schon den Taktgeber in der Hosentasche, für den Fall, daß der Parkinson wieder mal meinen Beinen den Schritt verweigert.

Nehme ich denn nun die Tabletten - steh ich nun auf - oder was - ?

Die Ärzte im Krankenhaus, neulich bei der Überprüfung der Einstellung: "Darf´s ein bisserl mehr sein, der Herr?" Wieder mal eine höhere Dosis - wieder also dem endgültigen Verlöschen näher -

Die Ärzte haben nicht schlecht gestaunt über den Einfall mit dem Taktometer.

Der ging nämlich so:

Stinksauer wurde ich jedesmal, wenn mir wieder die Beine stehen blieben - und immer in druckvollen Situationen. Steh ich an der Ampel und warte auf grün - schon diese Erwartung setzt den Flattermann frei - kommt grün, will ich gehen - frieren die Beine ein - endlich wenn sie laufen, ist wieder rot - aber vor der auf vier quietschenden Reifen heran nahenden Gefahr fällt plötzlich alle Behinderung wie ein schweres Gewand ab und mit engelhaft leichten, jugendlichen Sprüngen erreiche ich das rettende Ufer - um gleich darauf wieder einzufrieren. Eigentlich solchen Erlebnissen nach, müßte ich mich demnach ständig irgend einer Gefahr aussetzen - ob ich dann permanent frei bliebe vom Rigor, diesem Dauerkrampf? Aber dann gäbe es bald wohl Malessen mit dem Herzen - fürchte ich.

Also der Taktgeber: Als ich mich einmal eines schönen Nachmittags im Wald beim Spaziergang wieder angenagelt fand , nicht vor und zurück konnte, fiel mir der Bericht eines Chronisten ein, in welchem zu lesen war, daß bei den Inkas die Botenläufer immer einen kleinen Ball mit den Füßen vor sich her trieben, um die Ermüdung auf Langstrecken zu überlisten. Und wie ein Geschenk des Himmels lag vor meinen Füßen eine Kastanie, direkt in Aktionsnähe und schon kickte der rechte Fuß drauflos, dann der linke und bald war ich kickenderweise aus dem Wald heraus und wieder beweglich. Bald nach dieser Erfahrung und weiteren Versuchen mit Absingen von Marsch - und Wanderliedern - was mich oft in peinliche Situationen, vor allem in der Damenwelt brachte - kam ich auf die Idee mit dem Taktgeber. Der vorgegebene Rhythmus war's und die ungewohnte neue Intention. Seither trage ich ihn immer aufgezogen in der Hosentasche. Werden die Beine steif - der kleine Hebel ist schnell gefunden und mein zweiter Herzschlag setzt mich wieder in Bewegung.. Vorbei auch das beschämende Eineisen vor einem Treppenaufgang. Dann plötzlich - wie ein aufgescheuchtes Huhn, wie ein Olympionike in neuer Disziplin, wird die Treppe im Sturm erobert, derart aber, daß alle übrigen Passanten verblüfft einem nachschauen. Und darunter sind ja auch immer Frauen.

Ach Mann, die Frauen - die Paradieseszeiten sind nun auch dahin, nur steht statt des Engels mit dem Flammenschwert Mr. Parkinson persönlich vor dem Schoße der Natur. Mein lieber Scholli-

das ist so mit der herbste Verlust. Zwei zusätzliche Männer auf dem Rücken, da machste nicht allzu lange Liegestütz.

Jetzt ist es schon ne ganze Stunde weiter - neben mir die tiefen langen Atemzüge meiner Liebsten - der Tapferen. Ihre geheimsten Gefühle und Gedanken möchte ich allzu gern erfahren. Schließlich wird sie erleben, wie ich zweimal verlösche. Doppelwitwe eines Ehegatten.

Es ist damit zu rechnen, es ist ein progressiver Verlauf.

Du wirst evtl. aller deiner mimischen und gestischen Äußerungsmöglichkeiten entblößt. Sogar dein Lächeln wird dir genommen, auch der Lidschlag. Die Unlebendigkeit einer Maske wird dich Lebendigen unter Lebenden zeichnen und über deine Empfindsamkeit bald ausgrenzen. Du wirst unsichtbar.

Alles an dir und in dir ist jetzt schon langsamer geworden. Der Verstand ist scharf geschliffen, oho keiner soll uns zum Idioten stempeln - aber das Verstehen, der Denkvorgang macht dich zur Schnecke. Und wenn du im Gespräch dem Anderen zuhörst, versuchst, seine Lippenbewegungen zu erraten, der Sprachklang wohl Dein Ohr erreicht, der Sinngehalt der Worte aber dämmernderweise nur verspätet klar wird, bist du allemal zweiter Gewinner.

Ich bin trickreich wie ein Fuchs geworden, bin dem listenreichen Odysseus ähnlich geworden, indem ich dauernd versuche, meine Behinderung, diese Belästigung meiner selbst, auszutricksen, aufzufangen, zu verbergen oder aber bewußt mich unter Menschen zu mischen - was auch vieler Kunstgriffe bedarf. Das Engegefühl , daß mich in einer Gruppe befällt, ist nur mit äußerster Konzentration zu meistern. Dabei geht all meine Spontaneität flöten. Das Angebot eines Flirts kannst Du dir gleich von der Backe putzen. Dein faszinierendes Gegenüber wird nach wenigen Minuten, wenn nicht gar noch schneller, den Eindruck gewinnen: Irgendwie ist der komisch. Und sie meint damit: Unangenehm.

Aber wieder sagst du dir, und das solltest du dir immer sagen, jeden Tag, jeden Tag mehrmals: "Trotzdem"

Immer wieder die schwierigen Sachen angehen, Immer wieder das Erlebnis herbeiführen: "Ach, das ist mir wieder gelungen"!

Jedes Sichversagen ist schon das Aufgeben. Damit beschleunigst du selbst dein Ende, dein Verlöschen.

Also muß ich immer wieder Strategien entwickeln, listig werden, erfinderisch, sich das Erlebnis der eigenen Kreativität gönnen, um die Lebensqualität zu erhalten, vielleicht sogar, da nun bewußter in der Lebensgestaltung, zu erhöhen.

Doch gut, daß ich liegen geblieben bin.

Kann mal in Ruhe alles abklären, kann damit meine Traurigkeit überwinden. Traurigkeit , die mich überkommt, wenn ich den Verlust meiner Körpersprache spüre, die Reduzierung meiner gestischen und mimischen Äußerungen. Die Rüstung, in die mich ein unbekannter Anlaß hineinzwängt wird immer dickwandiger und unflexibler. Nur in kleinen, überschäumenden Glücksmomenten wird dir der Harnisch abgenommen, dank BASF, Anilin und Soda, aber wie oft noch.

Bist halt ein Ritter von der traurigen Gestalt.

Also, erst auf die Seite legen - Beine anwinkeln - gleichzeitig mit den Armen dich hochdrücken - mit einiger Mühe sitzt du dann am Bettrand.

Was nun zu erst - das kleine Frühstück in Form von fünf Pillen - dieses Quantum schlägt jede Astronautenmahlzeit aus dem Rennen, oder erst der Tanz mit der Hose, stehend, Laokoon postmodern oder sitzend im freien Stil, doch kaum weniger anstrengend und erschöpfend.

Denk an die Zimmertür - du kannst da durchgehen, brauchst dich nicht stoppen zu lassen, der Rahmen ist weit genug. Aber wenn Anne im gleichen Moment von der anderen Seite durch will, schnurrst du wieder zusammen in unbeweglicher Senkrechten.

Endlich bin ich in der Hose, hab sogar die Socken geduldig fingernd an die Füße gehampelt.

"Wenn dir was Gutes widerfährt, ist das einen Asbach - Uralt wert"

Ach Gott, ach Gott, das mit dem Alkohol laß mal lieber. Mußt dich ganz alleine trösten.

Aber das kannst du ja auch, hast ja deine kleinen Schlauheiten. Kommst damit sogar an allen Ecken und Kanten in der Wohnung vorbei, die so wirken, als würden sie im Moment hydraulisch und unhörbar ausgefahren, wo du sie passieren willst, um dir deine Tagesration an blauen Flecken zu verschaffen.

Jemand hat mir die Knopflöcher vom Hemd geklaut, ich finde sie nicht.

Ich kann sie nicht fühlen und schon wieder fährt der Tremor in Arm und Hand.

Da - ein feuchter Fleck, auf dem Kopfkissen. Der Sabber eines in Gedanken Versunkenen.

Tja, das waren noch Zeiten, als die feuchten Flecken im Bett an anderen Stellen auftauchten.

Schließlich aber, entschlossen wie John Wayne in "High Noon", wenn er prüfend die Hand an den Colt legt, prüfe ich mit gleicher Geste, ob das Pillendöschen in der gewohnten Hosentasche steckt, vertraue auf die bald einsetzende Wirkung der ersten Dosis und betrete die Arena des neuen Tages.
Er hat - "trotzdem" - soviel Schönes, Begeisterndes und Beglückendes im Angebot. Ich muß nur darauf zu gehen und auswählen Das Erleben solcher Tag-Geschenke ist doch die unendliche Mühe, die deinem Körper auferlegt wurde, immer wert.



Manfred Hilbig
                                                                                                                                       Mailto:k0872114@tiscalinet.de
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