Ein Parki auf der Chaos Ranch.

                  Manfred Hilbig

4. Folge

Wie ich in den schoolbus kam.

Ein letztes Winken, frohe Gesichter hinter den Autoscheiben, die Reifen des Geländewagens malten das Wendemanöver in den Wüstenboden, die Bremslichter blinzelten zum letzten Mal durch Kakteen und trockenes Gesträuch hindurch.
Ich schob die Falttür auf, enterte den schoolbus, sank dem Sofa in die Polster
und freute mich meiner tiefen Atemzüge.

Zwei Monate lang meine Wohnung, mein Schutz, dieser schoolbus.
Und der "Schlafwagen" drüben dazu, ein alter Wohnanhänger.

Große Erleichterung. Tiefe Befriedigung.

Ich hatte einen Traum verwandelt in Realität.

Trotz des Handikaps Parkinson sitze ich auf einem Hügel in der Wüste von Arizona,
in einem alten aufgebockten schoolbus -

auf der "Chaos Ranch".

Wer alles hatte mir abgeraten,
wieviel eigene Zweifel wollten meine Energie schmälern.

Selbst die Freunde in Tucson, die mir diese Adresse vermittelten und die ersten Verhandlungen führten,
wurden mehr und mehr unsicher, je näher meine Ankunft rückte.

Endlich die Fahrt hinaus nach Oracle.
Spannung und Nervosität unter uns allen.
War alles richtig, was wir uns so ausgedacht und gemanagt hatten?

Vom Highway-Asphalt bogen wir ab, auf Sandpisten ging es weiter, merklich langsamer,
entlang den Hängen des Mt. Lemon - Massivs
immer tiefer hinein in die "wilderness".
Und ich begriff, weshalb mich die Freunde dazu angehalten hatten, einen gößeren  Vorrat
an Lebensmittel schon in Tucson zu kaufen.

Irgendwann bogen wir in einen kleinen Pfad ein. Ich hätte ihn glatt übersehen.
Der "Vier – Rad – Wühler" zog uns rumpelnd durch eine S – Kurve
über Stock und Stein den Hügel hinauf.
Noch einen trockenen Busch umkurvt, dann vor uns das Tor zur Chaos – Ranch.
Ein respektables Stück Eisenrohr hing dort
und ein eben solch eindrucksvoller Hammer – die Türglocke.
Dazu ein Schild mit dem Hinweis,
man möge es sich reiflich überlegen, ob es notwendig sei,
die gute Laune des Hundes zu stören.

Noch ein paar Meter, dann wurde der Motor abgestellt.

In der Stille wirkte der schoolbus, aufgebockt,
gezeichnet noch von den Spuren des Brandes vor zwei Jahren,
ungemein dominant.

Dann erschien Tony.

Mit den Bildern dieser Beiden auf der Netzhaut fiel die Spannung endlich von mir ab.
Ich wußte, der Weg hierher war richtig gewählt.
Zwei glückhafte Monate liegen vor mir.

Erproben wollte ich mich.
Erfahren wollte ich, was  mir meine Persönlichkeit trotz meines Handikaps alles noch zur Verfügung stellt.

12 Jahre ist es her, daß mir die Diagnose "Parkinson" vorgelegt wurde.
Vor 5 Jahren mußte ich von der Bühne Abschied nehmen,
von den "Brettern, die mir die Welt bedeuteten",
vom geliebten Beruf.

Inzwischen hatte sich sehr viel Unsicherheit in mein Selbstbewußtsein eingenistet.
Ich spürte mit zunehmendem Unbehagen und Angst,
welch unguten Einfluß das auf meine Krankheit hatte.
Und ich begriff:
das Selbstvertrauen muß ich wieder aufbauen.

Alles Weitere war eine logische Gedankenkette:

Stelle dich in eine Situation, in der du nicht sagen kannst:
Mach Du das mal für mich,
bitte hilf mir mal, ich kann das nicht mehr -
und im Stillen: dazu habe ich jetzt keine Lust.

Erst dann sei wohl zu erfahren,
was mir der Parkinson noch erlaubt an Persönlichkeit auszuleben bzw. darzustellen.
Wie groß, wie umfangreich und Besitz ergreifend überhaupt mein Handikap ist.

Die logische Gedankenkette wurde weiter geknüpft.

Erfahrungsgemäß hatte sich z.B. im Urlaub ein weiter Horizont, beständiges Sonnenwetter
und blauer Himmel bei entsprechenden Temperaturen von sehr positiven Einfluß
auf meine Symptomatik gezeigt.
Folglich wären wohl Klostermauern nicht der richtige Ort für meine innere Einkehr.

Schon zielte meine Suche auf freie Landschaft.

Hat man einmal angefangen, zu denken, muß man immer weiter denken.

Ich fing an, die Sache zu organisieren.
Schrieb Gedanken auf,  legte Listen an,  skizzierte Pläne,
Einfälle, kurz,  was so alles notwendig würde,
was eintreten könnte,
worauf ich Rücksicht zu nehmen hätte,
was vor meiner Abreise zu Hause noch alles zu tun sei.
Plötzlich hatte ich auf neue Weise ein ungemein erfülltes Leben.

Eines Tages war es ein Bild vor meinem inneren Blick:

die Weiten des Amerikanischen Westen:

New Mexico – Arizona.

Da fände ich alles:
Horizont, Licht, Wärme, Stille, Einsamkeit, Einkehr in mein Inneres, Erprobung.
Dazu eine Landschaft mit überaus prächtigen und ungewohnten neuen Farben.

Also sollte ich mir auch die Möglichkeit schaffen, zu malen
Und zu schreiben.
Eine Malausrüstung wurde zusammengestellt.
Ein Laptop erstand ich äußerst günstig als Schnäppchen bei einer Geschäftseröffnung.

                    Tja: da muß ich ja wohl auch meine Kochkünste auffrischen und ergänzen. Die Medikamente!!
Lange Diskussion mit dem Arzt, der mir die in Frage kommende Menge
nicht auf einmal verschreiben wollte.
Ganz wichtig vor allem:
ein Pillenfahrplan für den Flug und die Zeitverschiebung von 8 Std.

Das preiswerteste Flug – Angebot herausfinden . . .
Die Mobilisierung von Freunden in den USA
mit der Bitte um Hilfe bei der Suche nach Unterkunft . . .

Am Ende waren es etliche Zettel,
auf denen ich Punkt für Punkt abhakte, was mir wichtig wurde.

Eines Tages dann: Abschied in Frankfurt von meiner Frau.
Donnernd und rauschend schleuderte mich die Airline über den Atlantik
in mein neues, ein anderes, aber selbst gewähltes Leben.

Schmal, aber lang ist so ein amerikanischer schoolbus.
Dreigeteilt der meinige:
Wohnraum und Schreibtisch gleich am Einstieg,
die Küche im 2. Drittel,
im hinteren Teil steht die Staffelei.
Auf zwei Tischen sind meine Materialien ausgebreitet.

Das Schlafzimmer ist in einem Wohnwagen eingerichtet ein paar Schritte übers Gelände.
Kingsize - Bett.
 

Vom Sofa lange ich hinüber zum Schreibtisch, richte das Laptop ein,
hole die aktuelle Liste: "Beachtenswertes" auf den Monitor,
schließe sie nach wenigen Augenblicken.
Ich drücke die Falttür auf, verlasse den Bus,
stelle mich der Landschaft gegenüber.

Sie soll meine "Liste von Beachtenswertem" sein.
Ihr Rhythmus soll nun der meine werden.

Langsam drehe ich mich der Kompaßrose nach –
dieser weite Horizont, der hohe Himmel,
die Hochebene zwischen den beiden Gebirgszügen im Norden und Süden –

die Stille erfüllt langsam mein Bewußtsein –

das wird eine gute Zeit.

Daß Tony, der Besitzer der Ranch, ebenfalls ein "Parkinsonian" ist,
nehme ich als witziges Beiwerk der Fügung,
gelungener Gag, welcher mir in die Wundertüte gesteckt wurde.

Er sollte Lieferant ungeahnter Erlebnisse und Geschichten werden
und beispielhaftes Modell für alle Betroffenen.

In ca. 14 Tagen mehr darüber

Manfred Hilbig

mailto: k0872114@tiscalinet.de

Folge 5