Ein Parki auf der Chaos Ranch
Manfred Hilbig
Jeden Morgen gegen 7:30 erschien Tony auf seiner Treppe
vor dem Schlafraum,
verharrte eine geraume Zeit mit Blick in die junge Sonne,
kam dann die Treppe herunter,
ging am Waschhaus vorbei,
öffnete den Sonnen – Kollektor für die Heißwasseraufbereitung
und verschwand schließlich drüben in seiner
Werkstatt.
Normalerweise tauchte er dort erst wieder zum Sonnen
– Untergang auf.
Einmal blieb er jedoch länger sichtbar, schien ungemein
beschäftigt zwischen Kakteen und Gesträuch.
Pan in der wilderness -
so wirkte er oft auf mich mit seiner gedrungenen kräftigen
Statur,
seidenes Kopftuch, grüne Wetterjacke, buntes Hemd
und Jeans mit breiten roten Hosenträgern.
TonyDas Gelände, "Die Chaos Ranch," wie er selbst
es nannte, war ein einziges Depot.
Von der kleinsten Unterlegscheibe bis zum schlachtreifen
VW – Bus nahezu alles war dort zu finden.
Tony lebt und denkt in Technik.
Seine Koordinaten sind Schraube/Mutter – Schweißgerät
– Flaschenzug – Elektronik.
Erfinden und Konstruieren – ist seine Wollust.
Kinderspielzeug. Vor allem Kinderspielzeug erfindet und
konstruiert er.
Sein bizarrer Einfallsreichtum läßt immer
wieder nie zuvor gesehenes Kinderspielzeug entstehen..
Wenn er dann an der Werkbank steht, legt sich als Widerschein
aus Kinderzeit
ein Lächeln auf seinem Gesicht.
Diesmal tauchte er aus seinen stacheligen Gefilden auf
mit etlichem Eisenzeug.
Sohn und Enkel hatten ihren Besuch angesagt und Tony
hatte den Einfall,
ein Karussell zu bauen,
welches hoch oben auf seinem Wassertank installiert und
durch Windkraft betrieben,
dem Jungen unablässig Freudenjuchzer entlocken sollte.
"Du kannst immer hier bei mir in der Werkstatt sein, ich
zeig Dir alles und wie man es gebraucht",
so sprach er gleich schon in den ersten Tagen.
Seine Persönlichkeit hatte Charme und Ausstrahlung.
Ich fühlte mich immer wieder von Neuem angezogen,
war fasziniert.
Die Einsamkeit dieses Mannes streckte oft all zu starke
Fangarme aus.
20 Jahre schon lebte er auf seiner Chaos Ranch, die letzten
10 Jahre als "Parkinsonian".
Mir jedoch war das zu viel Nähe. Ich hatte ja das
Alleinsein gesucht, um mich zu finden
Um mich zu erproben.
Schwere Maschinen wurden in Gang gesetzt.
Tony hatte alles in seiner Werkstatt und ihre für
mich anfänglich so unübersichtliche Fülle
hatte ihre Ordnung. Im Dunkeln hätte Tony gefunden,
was er brauchte.
Eines Tages wurde ein Gestänge von etwa 6 m Tragweite,
aufgebaut auf eben jener Kupplungskugel,
in die besagte Schüssel gesetzt, welche ihrerseits
erst einmal auf einem provisorischen Sockel
gleich neben der Feuerplatz installiert war.
Und siehe da: das ganze Gebilde ließ sich mit dem
kleinen Finger in Bewegung setzen.
Der Reibungswiderstand war minimal
Wie war jetzt aber die Windkraft zu verlocken, diese
Konstruktion anzublasen
und in Bewegung zu halten ?
Nun, wie das immer so ist: die besten Ideen findet man - wo?
Eines Morgens kam ich von meinem "Gang zum outhouse" –
das ist ein amerikanisches Plumpsklo
mittenmang in den Kakteen – zurück, suchte in der
Werkstatt starken Karton, schnitt daraus zwei Klappenventile und befestigte
beide derart, daß eines vom Wind geschlossen wurde,
während das andere sich öffnete.
Tony beugte sich noch über seinen Konstuktionstisch,
der unter dem blauen Himmel
von Oracle / Arizona stand.
Als ich ihn anrief und er sich umdrehte, lief sein Windspiel
stetig im Kreise.
Besonderen Spaß hatte er am leisen " Klapp
- Klapp" der Ventile.
Natürlich:
wurde ein Fest daraus.
Und zwei Parkinsonians hatten ihr
handikap vergessen in den Tagen des Planens und Konstruierens.
Natürlich:
fuhr der Kranwagen, der das ganze Gebilde auf den Wassertank heben sollte,
unverrichteter Dinge wieder ab. Der Mann vom Kran befürchtete,
der Tank könne in die Knie gehen.
Also blieb das Karussell an Ort und Stelle, am Hang, um
nicht zu sagen Abgrund,
zwischen Waschhaus und Outhouse einerseits und
Feuerplatz andererseits.
Dort fiel der Wind beständig ein und es konnte frei
drehen
Natürlich:
Kein jubelnder Enkel hat sich vom Wind im Kreise drehen lassen.
Als der endlich da war und das Konstrukt sah, beobachtete,
wie an einer Seite des Auslegers
ein PKW - Kindersitz befestigt wurde und am anderen Brückenarm
ein Kontergewicht,
wie dann Beides abwechselnd über dem Abhang kreiste
-
der Junge bekam schlichtweg Angst.
Einen Tag später war er schon wieder abgereist.
Dafür hatte die Stille auf der Chaos Ranch hatte
einen Klang bekommen:
das ständige leise Klappen der Windtüren am
Karussell.
Nach Tagen – spätabends in der Dunkelheit – ich saß
über einer Arbeit am Schreibtisch –
wilde Rufe:
" Manfred – Manfred - !!"
schon wurde die Falttür aufgestoßen.
Von der untersten Stufe reckte sich der Pan aus der wilderness
hinein in den Bus –
dick vermummt, Pelzmütze auf dem Silberhaar – außer
sich und voller Inbrunst –
"guck ! guck ! komm raus, sei nicht so langweilig !!"
–
verschwand aus dem Einstieg, lief Richtung Feuerplatz
zum Karussell:
" Ich bin Leonardo" rief er in die Nacht:
" Ich bin Leonardo!
Leonardo da Vinci!
Nein, Leonardo d´Oracle!!
Alle Leute bis rüber ins San Pedro Tal können
sehen, was Leonardo d´Oracle kann!!"
Und er tanzte unterm Sternenglanz der klaren Arizona –
Nacht.
Diesmal waren es nicht seine Parkinson – Symptome, die
er auf solche Weise kompensierte.
Auf den Armen des Karusells hatte er Blitzlichter, Stroboskop
- Lampen befestigt.
Vom starken Nachtwind herum gewirbelt, sprangen
jetzt Lichtblitze
von der Chaos Ranch hinunter in die Dunkelheit
zwischen den Galioura Bergen und dem Mt. Lemmon Massiv.
Gewundert haben sich wohl nur die Coyoten.