Ein Parki auf der Chaos Ranch
              Manfred Hilbig
 

  Folge 2

Das Windspiel

Jeden Morgen gegen 7:30 erschien Tony auf seiner Treppe vor dem Schlafraum,
verharrte eine geraume Zeit mit Blick in die junge Sonne,
kam dann die Treppe herunter,
ging am Waschhaus vorbei,
öffnete den Sonnen – Kollektor für die Heißwasseraufbereitung
und verschwand schließlich drüben in seiner Werkstatt.
Normalerweise tauchte er dort erst wieder zum Sonnen – Untergang auf.

Einmal blieb er jedoch länger sichtbar, schien ungemein beschäftigt zwischen Kakteen und  Gesträuch.
Pan in der wilderness -
so wirkte er oft auf mich mit seiner gedrungenen kräftigen Statur,
seidenes Kopftuch, grüne Wetterjacke, buntes Hemd und Jeans mit breiten roten Hosenträgern.

Tony
Im Silberkranz aus Bart und Haupthaar fast immer ein beglücktes  Lächeln

Das Gelände,  "Die Chaos Ranch," wie er selbst es nannte,  war ein einziges Depot.
Von der kleinsten Unterlegscheibe bis zum schlachtreifen VW – Bus nahezu alles war dort zu finden.
Tony lebt und denkt in Technik.
Seine Koordinaten sind Schraube/Mutter – Schweißgerät – Flaschenzug – Elektronik.
Erfinden und Konstruieren – ist seine Wollust.
Kinderspielzeug. Vor allem Kinderspielzeug erfindet und konstruiert er.
Sein bizarrer Einfallsreichtum läßt immer wieder nie zuvor gesehenes Kinderspielzeug entstehen..
Wenn er dann an der Werkbank steht, legt sich als Widerschein aus Kinderzeit
ein Lächeln auf seinem Gesicht.

Diesmal tauchte er aus seinen stacheligen Gefilden auf mit etlichem Eisenzeug.
Sohn und Enkel hatten ihren Besuch angesagt und Tony hatte den Einfall,
ein Karussell zu bauen,
welches hoch oben auf seinem Wassertank installiert und durch Windkraft betrieben,
dem Jungen unablässig Freudenjuchzer entlocken sollte.

"Du kannst immer hier bei mir in der Werkstatt sein, ich zeig Dir alles und wie man es gebraucht",
so sprach er gleich schon in den ersten Tagen.
Seine Persönlichkeit hatte Charme und Ausstrahlung.
Ich fühlte mich immer wieder von Neuem angezogen, war fasziniert.

Die Einsamkeit dieses Mannes streckte oft all zu starke Fangarme aus.
20 Jahre schon lebte er auf seiner Chaos Ranch, die letzten 10 Jahre als "Parkinsonian".
Mir jedoch war das zu viel Nähe. Ich hatte ja das Alleinsein gesucht, um mich zu finden
Um mich zu erproben.

                    Diesmal aber war es ein Detail seiner Konstuktionsidee, welches meine Neugier stachelte
                    Ich wollte das Entstehen dieses Karussells miterleben. Getragen und gelagert werden sollte die Konstruktion auf der Kugel einer PKW – Anhängerkupplung,
welche ihrerseits lose in eine flache sphärische Schüssel aus Gußeisen eingesetzt wurde.
Tage verbrachten wir mit Überlegungen zum Problem " Reibung und Balance."
Eisenträger wurden zersägt, zusammengeschweißt.
Neue Fragen: "Stabilität und Gewicht."
Der Wind sollte ja alles bewegen.
Der kam allerdings oft heftig vom Mt. Lemmon herab.

Schwere Maschinen wurden in Gang gesetzt.
Tony hatte alles in seiner Werkstatt und ihre für mich anfänglich so unübersichtliche Fülle
hatte ihre Ordnung. Im Dunkeln hätte Tony gefunden, was er brauchte.
Eines Tages wurde ein Gestänge von etwa 6 m Tragweite, aufgebaut auf eben jener Kupplungskugel,
in die besagte Schüssel gesetzt, welche ihrerseits erst einmal auf einem provisorischen Sockel
gleich neben der Feuerplatz  installiert war.

Und siehe da: das ganze Gebilde ließ sich mit dem kleinen Finger in Bewegung setzen.
Der Reibungswiderstand war minimal
Wie war jetzt aber die Windkraft zu verlocken, diese Konstruktion anzublasen
und in Bewegung zu halten ?

Nun, wie das  immer so ist: die besten Ideen findet man - wo?

Eines Morgens kam ich von meinem "Gang zum outhouse" – das ist ein amerikanisches Plumpsklo
mittenmang in den Kakteen – zurück, suchte in der Werkstatt starken Karton, schnitt daraus zwei Klappenventile und befestigte beide derart, daß eines vom Wind geschlossen wurde,
während das andere sich öffnete.
Tony beugte sich noch über seinen Konstuktionstisch, der unter dem blauen Himmel
von Oracle / Arizona stand.
Als ich ihn anrief und er sich umdrehte, lief sein Windspiel stetig  im Kreise.
Besonderen Spaß hatte er am leisen  " Klapp - Klapp"  der Ventile.

Natürlich:           wurde ein Fest daraus.
Und zwei Parkinsonians hatten ihr handikap vergessen in den Tagen des Planens und Konstruierens.
Natürlich:            fuhr der Kranwagen, der das ganze Gebilde auf den Wassertank heben sollte,
                           unverrichteter Dinge wieder ab. Der Mann vom Kran befürchtete,
                           der Tank könne in die Knie gehen.

Also blieb das Karussell an Ort und Stelle, am Hang, um nicht zu sagen Abgrund,
zwischen  Waschhaus und Outhouse einerseits und Feuerplatz andererseits.
Dort fiel der Wind beständig ein und es konnte frei drehen
Natürlich:           Kein jubelnder Enkel hat sich vom Wind im Kreise drehen lassen.
Als der endlich da war und das Konstrukt sah,  beobachtete, wie an einer Seite des Auslegers
ein PKW - Kindersitz befestigt wurde und am anderen Brückenarm ein Kontergewicht,
wie dann Beides abwechselnd über dem Abhang kreiste  -
der Junge bekam schlichtweg Angst.
Einen Tag später war er schon wieder abgereist.
Dafür hatte die Stille auf der Chaos Ranch hatte einen Klang bekommen:
das ständige leise Klappen der Windtüren am Karussell.

Nach Tagen – spätabends in der Dunkelheit – ich saß über einer Arbeit am Schreibtisch –
wilde Rufe:
" Manfred – Manfred - !!"
schon wurde die Falttür aufgestoßen.
Von der untersten Stufe reckte sich der Pan aus der wilderness hinein in den Bus –
dick vermummt, Pelzmütze auf dem Silberhaar – außer sich und voller Inbrunst –
"guck ! guck ! komm raus, sei nicht so langweilig !!" –
verschwand aus dem Einstieg, lief Richtung Feuerplatz zum Karussell:

" Ich bin Leonardo" rief er in die Nacht:
" Ich bin Leonardo!
Leonardo da Vinci!
Nein,  Leonardo d´Oracle!!
Alle Leute bis rüber ins San Pedro Tal können sehen, was Leonardo d´Oracle kann!!"

Und er tanzte unterm Sternenglanz der klaren Arizona – Nacht.
Diesmal waren es nicht seine Parkinson – Symptome, die er auf solche Weise kompensierte.
Auf den Armen des Karusells hatte er Blitzlichter, Stroboskop - Lampen befestigt.
Vom starken Nachtwind herum gewirbelt,  sprangen jetzt Lichtblitze
von der Chaos Ranch hinunter in die Dunkelheit
zwischen den Galioura Bergen und dem Mt. Lemmon Massiv.
Gewundert haben sich wohl nur die Coyoten.
 

Manfred Hilbig
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Folge: 3