Wieder einmal versuchte Tony den schoolbus durch den hinteren
Notausgang zu betreten.
Offensichtlich war es sein gewohnter Weg, weil der direkte
von seinem Haus aus.
Seit Kurzem jedoch kam er dabei etwas aus dem Tritt.
Er konnte sich nicht daran gewöhnen, daß dieser
Zugang nun durch meine Staffelei,
die er mir auch noch selbst gebastelt hatte, verstellt
war.
Es gefiel ihm ganz und gar nicht, wenn sein Auftritt durch
unerwartete Umstände
ungeschickt erschien.
Diesmal verklemmte er sich gründlich.
Kam er doch mit einer großen Kiste an, während
ich gerade vor der Staffelei arbeitete.
Halb drinnen, halb draußen ballanzierte er die
Kiste von rechts nach links, Stufe hoch, Stufe runter.
Und das Ganze noch einmal umgekehrt.
Danach wollte er mit gönnerischem Schwung die Kiste
abstellen.
Da waren dann auch noch die gewohnten Tische belegt.
Er hatte sie selbst eingebaut, die gesamte wohnliche Einrichtung
gebastelt und installiert,
nachdem vor zwei Jahren der Bus ausbrannte.
Das Feuer hatte damals die ganze Ranch vernichtete.
Alles hatte er wieder aufgebaut,
selbst.
Ganz allein.
Er kannte hier jede Ecke, jedes Schräubchen.
Es gab kein Teil, welches er nicht in seiner Hand gehabt
hätte.
Jetzt war plötzlich alles verstellt,
vollgepackt mit Papier, Malblöcken, mit Farbtuben
und Pinseln, Palette und Töpfen.
"Ich bring Dir eine Mikrowelle."
"Tony, ich brauch doch keine Mikrowelle."
Ich hatte einen zweiflammigen Gaskocher und einen Elektrokocher
mit zwei Platten.
Meistens war der Gaskocher verstopft,
eine willkommene Gelegenheit für Tony
dem "Künstler" mal Umgang mit der Technik beizubringen.
Tony war ja mit Leib und Seele Lehrer gewesen, sehr erfolgreich.
Doch das wird wohl eine neue Geschichte.
Ich also konnte mir auf den vorhandenen Brennstellen hervorragende
Mahlzeiten,
wunderbare Menues, mehrgängig, wenn es mich lockte,
zubereiten.
Ich brauchte wirklich keine Mikrowelle.
Die Organisation des Tages hatte für mich inzwischen
ein selbstverständliches Schema bekommen:
Malen, Schreiben, Haushalt, Kochen:
Zum ersten Mal unterlag der gesamte Ablauf von 24 Std.
mit allen Notwendigkeiten
und Zusätzlichem meiner eigenen Regie.
Waren Lebensmittel zu ergänzen, mußte ich
ca. 50 km hinunter ins San Pedro Tal fahren,
über Sandpisten –
was eine erbärmliche Durchschnittsgeschwindigkeit
bedeutete.
Dafür wurde ich aber mit einem excellenten Supermarkt
belohnt,
dessen Kunden noch aufregender erschienen, als sein Warenangebot.
Als wäre noch einmal der "Wilde Westen" ausgebrochen.
Eindrucksvolle Männer: oft schon im hohen Alter,
Haut a la Reptil, schlohweißes Haar,
gekleidet, als hätten sie gerade ihren wochenlangen
Viehtrieb vor dem Eingang abgeparkt.
Vom Fahrersitz ihres Pick – up mit Viergangantrieb kletterten
Frauen, herb, schön.
Mit vehementem Schwung hatten sie die Parkbox belegt:
Urmütter der Neuen Welt - persönlich.
Mit solchen Frauen könnte man Pferde stehlen.
Denkste!
Die stehlen ihre Pferde ganz alleine - und im Handumdrehen.
Viel zu erleben gab es im Supermarkt von San Manuel.
Und immer wieder vor Augen die wunderschöne Gebirgskette
der Galioura – Berge.
Manches Mal habe ich dort auf dem Parkplatz nach
dem Einkauf
schnell noch ein paar Skizzen gemacht.
"Wieso brauchst Du keine Mikrowelle ?"
Der Techniker und Praktiker ballancierte noch immer quasi
zwischen Baum und Borke.
Bis ich endlich die Staffelei beiseite gerückt und
für die Kiste irgendwie Platz geschaffen hatte.
"Tony, ich habe doch alle Möglichkeiten."
"Aber, das dauert doch viel zu lange, so wie Du es machst!"
"Tony – wenn ich mir meine Mahlzeiten zubereite,
dann bin ich damit beschäftigt,
mir selbst was sehr Gutes zu tun.
Ich bin mir selbst soviel wert,
daß ich in aller Ruhe und
Sorgfalt für mich das Beste anrichte. So wie ich es eben kann.
Die Zeit der Vorbereitung ist Vorfreude
für mich auf etwas Gutes und Schönes.
Das ist für mich keine Frage
von Zeit.
Und ich beschneide mir doch nicht
meine Freude."
Lang und breit war ich ins Erklären geraten,
weil Tonys Augen und Ohren immer größer wurden.
Er verstand mich nicht sogleich.
"Aber Du brauchst doch mal einen schnellen Kaffee !!"
"Den ich dann doch langsam trinken muß, weil er
noch zu heiß ist.
Nimm Deine Mikrowelle wieder mit!"
Da trollte sich der Mensch,
für den das ganze Leben offensichtlich nur ein riesiges
technisches Getriebe war.
Mit der Kiste unterm Arm, vorsichtig die Stufen hinab,
schlug er den Notausstieg des Busses mit metallenem Nachdruck
zu.
Zwei Tage später sah ich die Notwendigkeit ein, endlich
doch die Wäsche zu erledigen.
Mit dem Bündel im Arm also hinüber zum Waschhaus.
Stand ich da vor einer riesigen amerikanischen Waschmaschiene
Drehknöpfe - Schalter -
englische Beschriftung und Symbole - sehr unverständlich.
Null Ahnung.
Rüber in die Werkstatt.
Tony stand an einer riesigen Bohrmaschiene - die personifizierte
Konzentration.
Schien mit äußerstem Feingefühl irgend
ein Präzisions – Teil zu bearbeiten.
Hatte er mich bemerkt?
Er nahm keine Notiz von mir.
In die Pause zwischen zwei Bohrgänge hinein:
"Tony – würdest Du mir bitte die Waschmaschine erklären?"
Da er fuhr herum !
Die Augen blitzten mich an.
Sein Silberbart vibrierte wie die Bohrlocken, die aus
dem Werkstück emporkringelten:
"Was willst Du mit der Waschmaschine!
Nimm Deine dreckige Wäsche,
geh runter an den Fluß,
hau sie auf die Steine und dresch mit dem Knüppel
drauf -
Zwei Stunden lang !!"
Seine Verwandlung nach diesem Ausbruch war verblüffend.
Er entspannte sich völlig.
Seine Welt war wieder gerade gerückt.
In unserem Spiel hatte er gerade einen Punkt gut gemacht.
Eine Stunde später:
"Manfred - Manfred!!"
Wieder mal im Pillenloch Schwierigkeiten mit seinem Gleichgewicht.
tanzte er übers Gelände auf den schoolbus zu.
Er schob die Falttür auf, reckte sich halb in den
Einstieg -
Kinderlächeln im Silberkranz -
und stellte mir eine Schüssel mit Eiscreme auf den
Schreibtisch.
Manfred
Hilbig
mailto:k0872114@tiscalinet.de
Folge 4
Fortsetzung ca. alle 14 Tage
wobei in Erfahrung gebracht werden kann, wie ein Parki
in einen schoolbus
gerät, der auf der "Chaos Ranch" in Arizona steht