Ein Parki auf der Party
 
 
 
 

Schon immer habe ich ein besonderes Faible für das Theater gehabt. In der Tragödie verfolgte ich schaudernd, welch Grausamkeiten die Schicksalsmächte dem Menschen zumuten und dachte oft auf dem Nachhauseweg, oder endlich wieder entspannt bei feinem Essen, darüber nach, daß ich doch eigentlich, so quasi aus dem Theaterstuhl heraus betrachtet, noch ganz gut davon gekommen bin. Denn wenn ich mir so zusehe, als würde ich selbst da oben auf der Bühne agieren und mich an den Tragöden neben mir messe, ist mir meine Lebensgeschichte doch lieber.

Herrlich komisch und zum Lachen wird es gar, wenn ich mich in eine Komödie versetze.

Ein Parki, eingeladen zu großem Essen in feinem Haus mit noch feineren Damen - so eine grandiose urkomische Figur ist selbst dem Altmeister Moliere nicht eingefallen. Solchen extra orbitanten Gag hat sich auch Woody Allen in seinen Filmen entgehen lassen. Und den modernen Schreiberlingen von Boulevard-komödien sollte man die Lizenz entziehen, schreiben sie doch direkt am Superhit vorbei, weil sie nicht die Augen aufmachen und sehen, welch kostbare Figur ein Parki, na sagen wir mal, als Liebhaber abgäbe.

Auch als Ganove wäre er nicht schlecht, wenn ihm beim Bankraub vor dem Kassenschalter der Tremor die Pistole aus der Hand schüttelt. Oder das abendliche Ritual einer Ehekomödie: Sie dreht sich die Wickler in die Locken und er versucht immer wieder mit der Zahnbürste den Ort seiner Absicht zu treffen. Zum Kreischen.

Ich jedenfalls lache Tränen, wenn ich mich im Sessel zurücklehne und mir selbst auf meiner kleinen Bühne hinter der Stirnfront zuschaue.

Letzthin gab es das Stück: "Der 18.Geburtstag.".

Geschniegelt und gebügelt und langfristig angefüttert mit L-Dopa machte ich mich mit der geduldigen Anvertrauten auf die Reifen, um den Geburtstag des Sohnes eines Freundes zu feiern. Da es bekanntermaßen bei dieser Familie bis in die tiefe Nacht zu gehen pflegt, beförderte ich eine kleine Wegzehrung meiner Wunderdroge ins Amulett aller Parkis, ins geheiligte Pillendöschen .

Federnd, gelenkig wie Marcel Marceau, der Pantomime, und bei bester Laune betrat ich das Haus.
Schwelle und Tür waren schon überwunden, nämlich, oh Wunder, fließend durchschritten. Auch dem Hund Tolstoi, im Gegensatz zu seinem Namensvetter ein auch nicht unsympathischer Promenadier, ließ ich elegant meine Zuneigung angedeihen. Als ich mich aber davon wieder aufrichtete und sozusagen hinein wuchs in die frohgestimmte Familie, die mich aufs herzlichste begrüßen wollte, allen voran der überschäumende 18 Jahre - Debütant, gelang mir nur noch eine äußerlich sehr untertänig anmutende Haltung. Da war es wieder - krumm gezogen wie eine Marionette. Die Arme angewinkelt, als wollte ich sogleich das Herz einfangen, welches mir die Frau des Hauses entgegentrug - der Rücken gebeugt, wie aus Dankbarkeit dem Hausherrn gegenüber, daß er seiner Gattin solches überhaupt erlaubte.

Da aber inzwischen weitere Gäste eintrafen, für die angeregte Begleitung in die inneren Räume angesagt war, bekam ich wieder Luft. Die Diele des Hauses schien auch aufzuatmen und sich zu weiten. Das Rückgrat streckte sich. Noch mal durchgekommen

Daß ich, zwar frohen Sinnes, aber mit etwas steifen Beinen, wie weiland Käpten Bligh auf seiner "Bounty", durch die Zimmerfluchten stackelte, das bemerkte zu diesem Zeitpunkt noch keiner.

Während ich also meine wohlmeinende Bonmots und Freundlichkeiten - aha, die Stimme hat heute Resonanz und Wohlklang.- verstreute, lauerte auch schon das Untier mit dem breiten Maul auf mich. Eingefangen von Frauenschönheit und Strahleblicken verlor ich die Übersicht und ließ mich in den weichen Schlund des Hauses tiefstem Ledersessel fallen. Gefangen, nein, eingesogen in ein black hole - ein "Schwarzes Loch". Es kam mir im Verlauf des Abends auch wirklich wie ein Unternehmen kosmischen Ausmaßes an, wenn die Sextanerblase mich auftrieb, ich zu wippen anfing, die Aufmerksamkeit der Anwesenden sich meiner eigenartigen Gymnastik widmete, mich dann mit dem erreichten Schwung nun nicht etwa raketengleich entfaltete, vielmehr mit der Eleganz eines südamerikanischen Dreihzehen - Faultiers quasi aus der Ledertiefe hervor entwickelte, so den Beweis erbrachte für die Richtigkeit der Losung "frei sei der Mensch ," - nur um sofort wieder einzufrieren.

Denn das nächste Problem hatte mathematische Dimensionen: wie sortiere ich meine zwei Beine zwischen, durch und über dem Vielfältigen davon, was da so gestreckt, angewinkelt, übereinandergeschlagen und wippend !! oder einfach nur gefläzt, den Bodenraum vergitterte. Da griff ich in die Trickkiste:

Wenn ich einen munteren Spruch über die Lippen springen lasse, hängen alle mir an den Selben, und meine Beine können unbetrachtet ihr Rechenwerk vollziehen. So gelang es denn auch.

Endlich wird das Buffet eröffnet. Lautstark zieht die Meute Richtung Küche. Meine Zurückhaltung wird als die feine englische Art teils goutiert, teils etwas mild belächelt.

"Daß der sich mit den Resten begnügen will"!?

Dabei erspare ich mir nur die Mühe, nochmals aus der Tiefe des Ledermonstrums aufzutauchen. Als mir meine Frau dann auch ein zweites Mal einen angerichteten Teller in meine Sesselhöhle brachte, schüttelte manch frauenbewegte Dame den Kopf, die Herren aber mögen gedacht haben, daß das so und nicht anders seine Richtigkeit habe.

Dabei sollte doch nur vermieden werden, daß der Teppich und manch Frauenschoß bekleckert wird, wenn ich selber meine atemraubende tremorgeförderte Disziplin "Der volle Teller über die mittlere Distanz" im greisenhaften Spurt durchliefe. Es genügt ja schließlich, wenn ich beim Mahl das eine oder andere Kleckerchen mir vom Schlips und Hosenbund wische mit der gleichgültigen Nachlässigkeit des Zerstreuten oder mit der unnachahmlichen Nonchalance des Beaus.

Dabei ist der Beau, theatertechnisch gesehen, das falsche Fach. Uns Parkis ist allenfalls die innere Schönheit gegeben, will sagen geblieben, was aber den Meisten verborgen bleibt, schimmert sie doch durch unseren Panzer aus Rigorkrampf kaum hindurch.

Von unten aus dem 1. Parkett erleben wir, wie die Szene an Tempo und Leichtigkeit gewinnt. Alle Akteure haben sich warm gespielt. Die Sektflöten wurden mehrmals schon geleert. Vor allem unser Debütant und seine jugendliche Schar verschenken äußerst freigebig ihre überschäumende Lebenskraft und -freude. Scherze mit den Erwachsenen über die Erwachsenen sprühen kreuz und quer durch den Raum, reizt Lachsalven in Folge und Ehrgeiz, den Anderen mit Einfällen zu übertrumpfen.

Parkis Lachen, anfänglich frei und im Chor mithaltend, jedoch dünnt sich langsam aus, verschleißt sich. Sichtbar welkt sein Humor in der steigenden Hitze dieser Frohsinnsathmosphäre. Sein Kopf sinkt immer tiefer in den Höllenschlund, den ledrigen. Den Blicken, die immer mal wieder zu ihm hin schweifen, zeigt er das eingefrorene Lächeln einer Maske aus den japanischen NO-Spielen.

Wie lange kann der das durchhalten, mag mancher Gast denken, mir würden die Gesichtsmuskel verkrampfen.

Wie wahr, wie wahr.

Über die Stunden hin hat sich eine Wolke zwischen seine Ohren gelegt. Weicher Nebel dünstet ihm im Hirn. Er kommt mit dem Abspulen der Gesprächsfäden so schnell nicht mehr mit. Schließlich münden alle Meinungen, alles Geplauder, alle Fröhlichkeit und aller Ernst in Kakophonie. Offenen Mundes sucht er Orientierung in dem Tohuwabohu. Anfangs steuert er entschlossen dagegen an, wie der Fischer unterhalb der Lorelei, dann zieht ihn doch der Strudel in die Resignation. Mit unendlich langsamer Sorgfalt wischt er sich den Speichel aus dem rechten Mundwinkel. Endgültige persönliche Eiszeit -

Zwischeneiszeit, das weiß er. Mit Hilfe von "BASF - Anilin & Soda" wird er wieder auftauen. Aber hier und für heute beantwortet er an ihn gerichtete Fragen nur noch mit läppischen Stereotypen und erntet damit bedeutende Blicke der Anwesenden hin zur geduldigen Gattin. Da ist er schon kaum noch in seinem Sessel sichtbar, anverwandelt dem breiten, tiefen Kelch - Fleischfressende, Parkis vernichtende Pflanze aus Leder.

Wie gesagt, immer aus dem Zuschauerraum betrachtet.

Als er sich zum Abschied quälend langsam aus der Tiefe in die Senkrechte sortiert, gerät die Komödie einen Atemhauch lang ins Stocken. Erst jetzt dämmert es manchem Anwesenden, daß die genossene Komik tieferen Sinn barg. Verunsicherte, teils erschreckte Blicke verfolgen den Abgang eines schlecht gewarteten Roboters.

Doch ist die Tür noch nicht ins Schloß gefallen, jauchzt die Lebensfreude wieder durch den festlichen Raum. Das junge unbeschwerte Leben feiert sich, mit Recht - 18 Jahre ! - Farbentraum von Schmetterlingsflügeln.

Draußen in der frischen Nachtluft sehen wir unseren Schlemihl nach ein paar unsicheren Schritten sich langsam entfalten. Er reckt sich, streckt sich, wie er meint, den Sternen entgegen, pumpt sich voll Luft, trinkt sie in sich hinein, der Dürstende, beseligt über die einsetzende Entspannung, überglücklich ob der wiederkehrenden Geschmeidigkeit seiner Glieder.

Er schwingt sich auf den Beifahrersitz. Im Anlassen des Motors hören wir gerade noch, wie er zu seiner Frau sich neigend sagt: "War doch ein schöner Abend"

Es klang absolut glaubhaft.
 

20.09.97

Manfred Hilbig

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