Ein Parki auf der Chaos Ranch                                             22. Juli 2000

Erlebnisse und Erfahrungen einer Reise
1.  Folge

Das Mirakel

"Soll ich Dir ein Mirakel schenken?"
   Oder, wenn das Geschenk etwas kleiner gedacht war:
"Hast Du Lust auf eine Überraschung?"

Das etwa war so das tägliche Angebot, welches mir Tony entgegenbrachte,
noch vor dem Morgengruß
Immer war ein solcher Lockvogel für mich da. Schon auf dem Weg
zwischen Schlafwagen und schoolbus –
diesen beiden neuen Lebenskoordinaten in der Wüste.

Heute durfte ich also ein Mirakel erwarten.

Er war mit einem unglaublichen Reichtum an kauzigen Einfällen ausgestattet,
dieser Mann, der sein Anwesen "Chaos Ranch" nannte.
Auf seinem Gesicht Ungeduld und das fordernde Lächeln eines Jungen,
der gleich einen Frosch aus dem Sammelsurium seiner Hosentasche zieht,
um Dir etwas  "Nochniedagewesenes"  zu zeigen.

"Dann komm heute Abend, wenn es dunkel ist, zu mir ins Haus!"

Mit tänzerischen Arabesken bewegte er sich davon Richtung Werkstatt.
Auch er ist wie ich   Parkinsonist seit etwa 10 Jahren.
Wenn er nicht überflutet ist, bekommt er Schwierigkeiten mit seiner Ballance.
Als rettende Gegen - Maßnahme hat er sich Tanzschritte und wiegendes Schwingen ausgedacht.

Hätte es Publikum gegeben, es wäre wohl manches Mal in homerisches Gelächter
ausgebrochen, hätte es uns Beide mit  unterschiedlichen Symptomen in unseren
off – Phasen über das Gelände stelzen sehen.

                   "Der Tänzer und der Flattermann"
                         Comedia seria ad libitum

                   Machen wir halt unseren "Scotch – Hops!"
                   sagte er ironisch, als wir mal wieder die Werkstatt verlassen mußten,
                   weil die Pillenwirkung nachließ.
                   Sorgfältig und vorsichtig tanzte er hinüber in sein Domizil,
                   behutsam Schrittchen für Schrittchen bettete ich meinen Tremor
                   schließlich auf der Couch im schoolbus.
                   Erwischte gerade noch den Knopf an meiner eindrucksvollen Tonanlage
                   für den Klassik - Kanal von Radio Tucson.

Wie verabredet, um 20 Uhr verließ ich den Bus.
Da strahlten alle Bäume auf.
Tony hatte Lichterketten in die Zweige gehängt und mit Bewegungsmeldern verschaltet,
damit Niemand auf dem rauhen Gelände zu Fall käme und etwa in die Kakteen stürzte.
(Was mir dann mal im hellen Sonnenschein gelang.
Tagelang hatte ich zu tun, die feinen Stacheldinger wieder aus den Beinen zu zupfen.)

Die pure Ungeduld - Tony wartete schon auf mich.
Wartete, wie auf das Glockenspiel vor der Tür zum Weihnachtszimmer.
Alles Licht war gelöscht, als ich seine "high-tec-Höhle"  betrat.
Seine Stablampe nur war Wegweiser durch das Labyrinth von Geräten.

Da stieß mein Fuß an etwas Weiches:

"Leg dich da drauf!"

Verblüffend:
in dem Raum, in dem jedes Möblement fehlte,
keine Sitzgelegenheit zu finden war,
außer den drei Stufen von außen hinein,
lag auf einmal eine lederne,
angenehme Matratze ausgebreitet.
Als mein Rücken sich gerade wohlig dieser Unterlage anvertraute,
verlöschte auch die Stablampe.

In absoluter Dunkelheit erklang Musik, als käme sie aus dem Himmelsdom herab.

Im Anschwellen der Töne und im Verklingen, im Aufrauschen wieder,
bänderten Lichter
über dieses von Menschenhand geschaffene Firmament unter der Zimmerdecke.
Licht zuckte im Stakkato, mäanderte im Andante,
im Largo flossen breite Farbbanner gleich den Armen eines Urstromtals
über meine Netzhäute.
Das Licht folgte genau der Dynamik der Musik.

Mein Körper schien sich aufzulösen. Ich verlor Raum und Zeit.

Ich war nur noch   Erleben im neuronalen Netz.

Manchmal zog ein Lichtschein Tony´s Gesicht in mein Blickfeld –
Glückseliges Lächeln –

Der Frosch aus der Hosentasche war ein voller Erfolg.

Am nächsten Tag zeigte er mir die Konstruktion
seiner "Miracle-Mind and Sense–Light Show."
Sie war von verblüffend ingeniöser Einfachheit.
Lautsprecherkallotte, Kugelschreiberfeder, kleine Spiegelscherbe,
Scheinwerfer-Spot.

Konzentration auf das Wesentliche nur, das unbedingt Erforderliche.

Während der zwei Monate meines Daseins
"im schoolbus in der wilderness"
habe ich diesen Einfluß der Wüste,
die Hinführung auf   "das Eigentliche"
selbst erfahren können.

Reichtum in der Beschränkung.

In der Tat:  ein Mirakel in heutiger Zeit.

mailto:k0872114@tiscalinet.de
Manfred Hilbig

 Folge 2

Fortsetzung für alle Interessierten an gleicher Stelle ca. alle 14 Tage.
 
 
 
 

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