Da saß ich in meinem schoolbus,
in beiden Händen den Morgen – Kaffee
und staunte –
war versunken in mein Staunen,
wie seit Kindertagen nicht mehr.
Etwa drei Wochen war ich nun hier auf der Chaos Ranch.
Hatte mich, wie man so sagt, nahtlos eingelebt.
Ein Europäer in der amerikanischen Wüste
Ein Parki in der "wilderness."
Meine Wohnung:
ein vormals ausgebrannter,
wieder ausgebauter
und jetzt aufgebockter schoolbus
und als Schlafwagen ein alter Wohnanhänger.
Standort:
am Fuß des Mt.Lemmon in Arizona nahe der Grenze
zu Mexico.
.
Wohnzimmer und Arbeitsplatz gleich hinter dem Fahrersitz,
in der Mitte die Küche, im letzten Drittel mein
Atelier.
"Du willst malen? Dann brauchst Du eine Staffelei" –
Tony sprachs, verschwand in seiner Werkstatt und
brachte mir eine halbe Stunde später eine Staffelei.
Der "Schlafwagen" hatte immerhin ein Kingsize–Bett,
in dem ich all die Zeit wunderbar geschlafen habe, eingehüllt in die Stille über dieser Landschaft.
Auch heute
wache ich gegen 5 Uhr auf, ich brauche seit einiger Zeit wenig Schlaf,
und ging hinüber zum schoolbus. Dafür gönnte ich mir
viel Zeit. Auf halben Weg hielt ich inne.Stellte mich unter den hohen Himmel,
in dem noch starke Sternenlichter den herauf leuchtenden neuen Tag verleugnen
wollten.Während dieser wenigen Minuten war ich Mittelpunkt des großen
Rades Horizont. Aus der Stille des weiten Kreises sog ich tief meinen Atem.
Der letzte Coyote trollte sich davon.
Drüben über dem San Pedro Tal zeichnete die aufsteigende Morgenröte die Silhouette der Galiura – Berge scharf in einen zart – hellgrünen Himmel.
Rote Farbtupfer huschten zwischen den Kakteen und im Gezweig
hin und her, blaue Federbällchen, Schwärme von Vögeln
gleich fliegenden Edelsteinen.
Der Platz - Specht betrommelte auf dem Telefonmast sein
Revier, langohrige Karnickel mit grünlich – grauem Fell hoppelten
ungeniert zwischen Autowracks, einem Motorboot, und etlichen Wohnanhängern
herum, während oben im Himmel schon die Schreie des "rotschwänzigen
Westernfalken" zu hören waren:
Es klang, als flögen Katzen maunzend durch die Luft.
Die Suche nach den Raubvögeln zog meine Blicke rund
um die Kompaßrose und wurden eingefangen vom Rosenschimmer, den das
Morgenrot über die Falten, Hügel, Täler und Gipfel des Mt.
Lemmon hauchte.
Da war mir, als läge die rosenfingrige Göttin,
die von Homer schon so hoch gepriesene, leibhaftig vor mir – Schönheit
und Verführung in jedem Schatten und jeder Rundung, mit Sanftmut und
Zärtlichkeit nahm sie meine Sinne in ihren Besitz.
Mit einem Satz sprang die Sonne über die Galiura – Berge hinweg in den Himmel und spannte den hellen Tag über das Land. Ich schob die Falttür zu meienm schoolbus auf und freute mich auf meine Frühstücksstunde.
Es war inzwischen die 1.Märzwoche. Die vergangenen zwei Wochen hatten mit Wärme und hellem Tageslich aus blauem Himmel meine Symptome deutlich gemildert. Jetzt sollten eigentlich langsam die Wildblumen ihre bunten Laken und Teppiche verschwenderisch auslegen. Ich hatte mich so darauf gefreut.
Doch seit September war kein Regen mehr gefallen, über dem Land lag Trockenheit pur. Grundfarbe: alle denkbaren Brechungen von Braun.
Dennoch: ich saß da, wärmte mir die Hände
am Kaffeepott, war einzig Staunen und konnte mich nicht sattsehen an den
Blumen rings herum. Blumen an den Fenstern des schoolbus.
Viele Fenster hat ein amerikanischer schoolbus.
Jedes Fenster ein Bild - - - - Eine Galerie Blumenbilder.
Eisblumen.
Die junge Sonne gab ihren Teil dazu, streute zwischen die Blumen verschwenderisch ihre Juwelen - Licht und Farbe in prismatischen Brechungen.Mit den strahlenden Blumen erblühte die Fröhlichkeit in mir. Solche Vielfalt von Blüten und Blättern, Gräsern, von Gravuren und Zeichnungen hatte ich zu Letzt in meiner Kindheit im überaus harten Kriegswinter 1944 in Schlesien auf den Fensterscheiben der elterlichen Wohnung gesehen.
Wieviel Glück braucht der Mensch?
Der Blumenzauber dieses Morgens währte wirklich nur eine knappe Stunde - dann war das florale Paradies verdunstet - aber diese glückhafte Stunde nährt und stärkt mich noch lange.
Manchmal ist das Glück verschwenderisch:
Beiläufig hatte ich das Radio eingeschaltet. Morgens brachte der Klassik - Kanal von Radio Tucson wunderbare alte und wenig bekannte Musikaufnahmen.
In meine Versunkenheit über den Eisblumen klang die Chaconne in d - moll von Bach / Busoni hinein, gespielt von Shura Cherkassky mit der Klarheit und meditativen Tiefe, wie es diesem Morgen entsprach.
Da waren meine Parkinson - Symptome dahingeschmolzen, lange vor den
Eisblumen an den Fenstern.
Da kam meine Steifheit nicht mehr vom Parkinson.