Zwischen
LICHTEM LAND
und
GANZ VERLOREN
Gedichte aus zwei Jahrzehnten
von Helga Königsdorf

1 Noch immer
2 Die Welt ist nun mal nicht so
3 Sommerschlußverkauf
4 ich gehe
5 in heißer asche
6 komm mit
7 Wärst du hier
8 Im Zwielicht
9 Liebster du
10 Über das Glitzermeer aus Trauerli.cht
11 atemlos
12 gigo1o
13 Mutter der rote Turm
14 sprecht nicht
15 vielleicht
16 Das Licht der Sonne
17 Nächtliche Bilanz
19 Manchmal
20 Es ist nicht so
21 Weit entfernt von mir.
22 Rückt zusammen
23 Wenn du dsnn gehst
24 komm ich
25 Nichts mehr wollen
26 In der Mainacht
27 manchmal
28 In jenen Mainächten
29 Wenn ich gehen müßte
31 ich bin
32 gevatter
33 Noch wölbt sich
34 Manchmal möchte ich wohl
35 Irgendwo


1 Noch immer
Gehe ich
Uber den Paß
Nach Javorina
Brauche
Euer Mitleid nicht
Noch immer
Küsse ich
Rittersporn
Und Knabenkraut
Alle Ängste
Hatte ich schon
Trägt mich der Wind
Hoch
Genieße ich
Die Aussicht
Auf den freien Fall


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2 Die Welt ist nun mal nicht so
Wie ich sie brauche
Sie hats weniger im Kopf
Hats mehr im Bauche
Aber im Bauch auch
Wieder nicht so
Kurz gesagt
Werd ich der Welt
Oben und unten nicht froh
Hatt ich den festen Punkt
Aus allen Angeln höb ich sie
So faß ich mich am Zopf
Und zieh und zieh und zieh


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3 Sommerschlußverkauf
Die Nächte sind still
Sogar der Wind weht leise
Das Postauto fährt vorüber
Die Bahnhofsuhr steht
Bald wird der
Letzte Zug gehn
Unter dem Schlehdorn
Dreht sich die Zeit
Fast könnte man glauben
Sie dreht sich im Kreise

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4 ich gehe
barfuß
über das
jadegrüne meer
bernsteinfarben
mein haar
sonnengebräunt
schimmert
die haut
im wind
ausgefranst ist
mein kleid
in der brandung
schimmern
die nägel
meiner zehen
durch die gischt
der himmel
ist weit
ich gehe
sicher und ruhig
über alle ufer


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5 in heißer asche
kocht der kaffee
die luft flimmert
über dem weißen gestein
die zikade verstummt
kein hauch
nur eine katze
rotfleckig und mager
holt sich
die zärtlichkeit
stuhlbeine


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6 komm mit
wer wagt
verliert
immer
wer zagt
hats
nimmer
allemal
falsch
los
gezogen
aber
bist
geflogen


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7 Wärst du hier
Würde das Wasser
Bachaufwarts fließen
Der Wurm zöge
Die Schnepfe ins Loch
Und die Trollblumen
Tanzten Polka
Wärst du hier
Nur eine Sekunde lang
Ich flöge mit dir
Im Aufwind davon


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8 Im Zwielicht
Die fremde Katze
Vor meiner Tür
Und sonst niemand

Kommt herein
Auf dem zertretenen
Weg des Gewohnten
Und sieht doch alles

Meidet Vasen
Hat also auch
Ihre Erfahrung
Im Zerbrechen

Ich aber
Suche weiter
Denn da muß doch
Noch irgend etwas sein


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9 Liebster du
Machst mir
Ein Spektakel
Hitze strömt
In das Geflecht
Nervenenden wie
Tentakel winden
Sich und wenden
Hochverräterisch
Die Flut wie es
Strömt und wallt
Mein Blut-
Öffnet jeden
Liebesmund
Weit das Tor
Zum tiefsten Grund
Fährt hinab
Zu allen Höllen
Schwillet sieben
Mal die Schwellen
Wölbt den Leib
Mir hoch
Und höher
Kommt der Sonne
Nah und näher
Flammt ein Funke
Auf und nieder
Zuckt die Lust ach
Welch ein Leiden
Stürze ab durch
Raum und Zeiten
Erdenschwer sind
Meine Glieder
Liebster du
Gib jetzt Ruh


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10 Über das Glitzermeer aus Trauerlicht
Schweb ich ohn Flügel ohn Gefieder
Der Wahn peitscht taumelnd mein Gesicht
Die Last der Schatten zwingt mich nieder
Und meinen Atem jagd die Angst
Tausendfüßig bohrt sie sich in meinen Leib
Gefangen liege ich im Labyrint aus Schmerz
Verloren an den kalten Strom der Zeit


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11 atemlos
flieh ich
vor einer
befremlichenn
welt
rastlos
verwische ich
spur um spur
und verliere
Hm ende
wieder nur
mich


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12 gigolo
hexenpopo
satansbrut
hab ich wut

scheingelichter
schwanzeinrichter
fixifax
hornundaxt

untenoben
alle phoben
schluchten auf
tief hinauf

wolluns pfählen
wulst zerspählen
dunkel schlauch
nur noch bauch

oh herr nein
ja komm rein
nicht doch da
ja doch ja
jahh

oh die flut
das war gut
ihr neuronen
nicht mehr schalten
bleibt beim alten

gigolo
troll dich beau
glut erloschen
kriegst drei groschen


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13 Mutter der rote Turm
Neigt sich
Fällt
Versinkt
Mutter hilf doch
Langsam schließen sich die Wasser
Als wäre nichts geschehen


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14 sprecht nicht
von heimat
von dem land
wo alles
zum erstenmal war
risse ich selbst
die tür auf
ihr könntet
nicht hinein
nicht
wie ihr
bin ich
nicht
durch euch
sondern trotzdem


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15 vielleicht
fragt man uns
später
nach diesem herbst
ach wir
die wir kaum noch schatten warfen
und die augen schlossen
vor den feuern in den wipfeln
und der fäulnis unter den buchen
wir waren in jenem herbst
helden toren und komödianten
nichts galt mehr
nicht unsere lieben
nicht unsere jahre
unsagbar schwer
pulsierte das leben
von innen her
vielleicht fragt man uns später
nach diesem herbst
nach den gläsernen tagen
und dem morgen
an dem die melisse erfror
ach wir
die wir dann
im gegenlicht die augen schließen
wie werden wir müde sein


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16 Das Licht der Sonne
Sehen wir nach acht Minuten
Vier Jahre braucht's
Vom nächsten Stern
In hundert Milliarden Galaxien
Bewegen sich hundert Milliarden Sterne
Von uns fort
In meinem Spinnennetz
Verweben sich Erinnerung und Zukunft
Liebe verwandelt sich in Schwerkraft
So daß du zurückkehren mußt
Auf den Bahnen der Gravitation
Ehe die Uhr abläuft
Drehn wir die Zeit um


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17 Nächtliche Bilanz
Die geprügelten Dichter
Der Einfall der Haie
Die Froschgesichter
Unser Gefühlsstau
Unser Geschwätz
In der Pfütze
Wie gewohnt
Liegt um Zwei
Der halbe Mond
Coca auf Eis
Graphitischrei
Bevors gen Morgen
Sich erhellt
Erfind ich mir
Die nächste Welt


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19 Manchmal
Mitten in der Vorstellung
Wünschte ich wohl
Der Vorhang fiele
Die Rolle falsch
Die falsche Bühne
Eine erbärmliche Regie
Des Publikum
Aus der Galerie
Hält sich für den Helden
Und kassiert die Gage
Wenn das so weiter geht
Stehl ich am Ende
Dem Hanswurst die Blamage
Ich steh schon im Hemd
Aber der Vorhang
Der Vorhang klemmt
Was bleibt
Ich stelle mich heiter
Und spiele weiter


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20 Es ist nicht so
Daß ich mich brauche
Ich käme ganz gut
Ohne mich aus
Ich werde mich
Bloß
Nicht los


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21 Weit entfernt von mir.
Muß ich mich finden
Wie kam ich nur
In dieses fremde Kleid
Ich bin das Blatt
In allen Winden .
Niemand hält mich
Keiner schreit
Von dem Augenblick
Dem schönen
Blieb mir nur
Der falsche Schein
Und der Mut
Zu stolzen Tönen
Wird mir bald
Verkommen sein
Bin das Blatt
In allen Winden
Längst vergessen
Wer ich war
Nur die Schellenklänge
Künden
Was ich bin
Ich bin ein Narr


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22 Rückt zusammen
Einen Platz am Kamin
Fünf Minuten Leben
Draußen ist Frost
Löscht nicht das Feuer
Mit höflichen Reden
Und weißen Gedecken
Aus Meißner Porzellan
Ich kam wirklich nur
Um diesen Moment Wärme


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23 Wenn du dann gehst
Schließ die Tür
Aber noch nicht jetzt
Laß uns noch die Frucht teilen
Und reden
Daß kein Wort verlorengeht
Sieh doch ich lache
Ich bin lustig
Wenn du dann gehst
Schließ die Tür
Leise


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24 komm ich
heim liegt
hinter der tür
meine wohnung
wie ein
hungriges tier
wIe sIch
meine poren
schließen
die haut
sich spannt
den brustkorb
preßt
wie laut
die stille
das blut
in den ohren
dröhnen
läßt
mein kopf
wird
zum stein
bin allein


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25 Nichts mehr wollen
Weil schon alles
Gewesen ist
Nur noch den Fandango
Auf ihr Kastagnetten
Schlag Tamburin
Spart euer Grinsen
Caballeros
Leicht wird mir
Unerträglich leicht


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26 In der Mainacht
Balanciert noch
Immer derselbe
Gelbe Mond
Auf dem Antennenmast
Rotäugig glotzt der
Schornstein herüber
Auf dem Balkon
Duftet
Jelängerjelieber
Und wieder läßt
Sich die Eule
Auf dem Dachrand
Nieder
Für all den Aufwand
Danke ich sehr
Doch muß ich enttäuschen
Ich fliege nicht mehr


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27 manchmal
bin ich
sehr allein
ich sag das nur
damit ich weiß
ihr wißt
was mit mir ist
wenn ihr
vielleicht
in einem Stau
an mich denkt
seht doch nicht
gleich
auf die uhr
ich weiß
ihr könnt
es euch
eigentlich
nicht leisten
bleibt nur
mir geht
es gut
wie ihr seht
man tut viel
für mich
es ist
nicht ansteckend
und durch mich
sind meine Freunde
statistisch gesehen
gesund
und jetzt
könnt ihr
mit gutem gewissen
gehn


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28 In jenen Mainächten
In denen
Die Forsythien
Aus den Anlagen
Leuchten
In denen sich
Der letzte
Winkel der Stadt
Mit dem Duft
Der Mahonien füllt
In denen es
Aus den U-Bahnschächten
kühl heraufweht
In solchen Nächten.
Die nie halten
Was sie versprechen
Kann es geschehn
Es singt
Im Lampenschein
Eine Amsel
Wenn ich könnte
Ich würde ihr
Den Hals umdrehn
Und dem Hahn
Auf dem Mist
Gleich dazu
Dann wäre
Endlich Ruh


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29 Wenn ich gehen müßte
An diesem stillen Oktobertag
Mit dem Nebel im Haar
Und dem Frösteln auf der Haut
Ich wehrte mich nicht
Denn alle Liebe in mir
Ist schon verbraucht
Nur der Geruch
Zerborstener Kastanien
Hält mich noch


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31 ich bin
die welt
im kleinen
das viel
in einem
bin unten
und auch
oben

gerade
bin ich
und verwoben
bin teil
des seins
bin alles
und keins
im weniger
das mehr
ich bin
zu sehr


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32 gevatter
tröster du
würde deiner finsternis
breite nun
über mich
nur einen kurzen weg noch
wollen die füße
tragen mich
später wollen sie ruhn


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33 Noch wölbt sich
Uber der Laube
Das sonnenblättrige Grün
Die Disteln und die Malven
Wetteifern noch
Doch in der Mauerfuge
Hängt leer das Vogelnest
Und unterm Brückenbogen
Hat sich im Dorngeäst
Die Zeit verfangen
Für diesen Augenblick
Und ist doch schon vergangen
Und kehrt nie mehr zurück.


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34 Manchmal möchte ich wohl
Wie der Herbstwind toben
Hochfahrend mich drehn
Und die Wolken jagen
Bis der Himmel klar wird
Muß aber bleiben
Meine Wurzeln tiefer treiben
Ins Erdreich ins bittere
Bäume stürzen sehn
Muß Grashalm sein
Und als Grashalm stehn


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35 Irgendwo
Zwischen ganz verloren
Und lichtem Land
Hält mich noch immer
Die rissige Erde
Ich könnte mir einreden
Es verhielte sich umgekehrt
Auch irgendeine ndere Logik
Wäre von einem gewissen Interesse
Aber nichts ist so schön
Wie die Vorstellung
Daß die rissige Erde
Mich noch immer
Und bei jedem Wetter
Zwischen lichtem Land
Und ganz verloren
Auf halbem Wege
Irgendwo
Hält


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Koenigsdorf

Zwischen
LICHTEM LAND
und
GANZ VERLOREN
Gedichte aus zwei Jahrzehnten
von Helga Königsdorf

1 Noch immer
2 Die Welt ist nun mal nicht so
3 Sommerschlußverkauf
4 ich gehe
5 in heißer asche
6 komm mit
7 Wärst du hier
8 Im Zwielicht
9 Liebster du
10 Über das Glitzermeer aus Trauerli.cht
11 atemlos
12 gigo1o
13 Mutter der rote Turm
14 sprecht nicht
15 vielleicht
16 Das Licht der Sonne
17 Nächtliche Bilanz
19 Manchmal
20 Es ist nicht so
21 Weit entfernt von mir.
22 Rückt zusammen
23 Wenn du dsnn gehst
24 komm ich
25 Nichts mehr wollen
26 In der Mainacht
27 manchmal
28 In jenen Mainächten
29 Wenn ich gehen müßte
31 ich bin
32 gevatter
33 Noch wölbt sich
34 Manchmal möchte ich wohl
35 Irgendwo


1 Noch immer
Gehe ich
Uber den Paß
Nach Javorina
Brauche
Euer Mitleid nicht
Noch immer
Küsse ich
Rittersporn
Und Knabenkraut
Alle Ängste
Hatte ich schon
Trägt mich der Wind
Hoch
Genieße ich
Die Aussicht
Auf den freien Fall


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2 Die Welt ist nun mal nicht so
Wie ich sie brauche
Sie hats weniger im Kopf
Hats mehr im Bauche
Aber im Bauch auch
Wieder nicht so
Kurz gesagt
Werd ich der Welt
Oben und unten nicht froh
Hatt ich den festen Punkt
Aus allen Angeln höb ich sie
So faß ich mich am Zopf
Und zieh und zieh und zieh


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3 Sommerschlußverkauf
Die Nächte sind still
Sogar der Wind weht leise
Das Postauto fährt vorüber
Die Bahnhofsuhr steht
Bald wird der
Letzte Zug gehn
Unter dem Schlehdorn
Dreht sich die Zeit
Fast könnte man glauben
Sie dreht sich im Kreise

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4 ich gehe
barfuß
über das
jadegrüne meer
bernsteinfarben
mein haar
sonnengebräunt
schimmert
die haut
im wind
ausgefranst ist
mein kleid
in der brandung
schimmern
die nägel
meiner zehen
durch die gischt
der himmel
ist weit
ich gehe
sicher und ruhig
über alle ufer


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5 in heißer asche
kocht der kaffee
die luft flimmert
über dem weißen gestein
die zikade verstummt
kein hauch
nur eine katze
rotfleckig und mager
holt sich
die zärtlichkeit
stuhlbeine


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6 komm mit
wer wagt
verliert
immer
wer zagt
hats
nimmer
allemal
falsch
los
gezogen
aber
bist
geflogen


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7 Wärst du hier
Würde das Wasser
Bachaufwarts fließen
Der Wurm zöge
Die Schnepfe ins Loch
Und die Trollblumen
Tanzten Polka
Wärst du hier
Nur eine Sekunde lang
Ich flöge mit dir
Im Aufwind davon


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8 Im Zwielicht
Die fremde Katze
Vor meiner Tür
Und sonst niemand

Kommt herein
Auf dem zertretenen
Weg des Gewohnten
Und sieht doch alles

Meidet Vasen
Hat also auch
Ihre Erfahrung
Im Zerbrechen

Ich aber
Suche weiter
Denn da muß doch
Noch irgend etwas sein


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9 Liebster du
Machst mir
Ein Spektakel
Hitze strömt
In das Geflecht
Nervenenden wie
Tentakel winden
Sich und wenden
Hochverräterisch
Die Flut wie es
Strömt und wallt
Mein Blut-
Öffnet jeden
Liebesmund
Weit das Tor
Zum tiefsten Grund
Fährt hinab
Zu allen Höllen
Schwillet sieben
Mal die Schwellen
Wölbt den Leib
Mir hoch
Und höher
Kommt der Sonne
Nah und näher
Flammt ein Funke
Auf und nieder
Zuckt die Lust ach
Welch ein Leiden
Stürze ab durch
Raum und Zeiten
Erdenschwer sind
Meine Glieder
Liebster du
Gib jetzt Ruh


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10 Über das Glitzermeer aus Trauerlicht
Schweb ich ohn Flügel ohn Gefieder
Der Wahn peitscht taumelnd mein Gesicht
Die Last der Schatten zwingt mich nieder
Und meinen Atem jagd die Angst
Tausendfüßig bohrt sie sich in meinen Leib
Gefangen liege ich im Labyrint aus Schmerz
Verloren an den kalten Strom der Zeit


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11 atemlos
flieh ich
vor einer
befremlichenn
welt
rastlos
verwische ich
spur um spur
und verliere
Hm ende
wieder nur
mich


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12 gigolo
hexenpopo
satansbrut
hab ich wut

scheingelichter
schwanzeinrichter
fixifax
hornundaxt

untenoben
alle phoben
schluchten auf
tief hinauf

wolluns pfählen
wulst zerspählen
dunkel schlauch
nur noch bauch

oh herr nein
ja komm rein
nicht doch da
ja doch ja
jahh

oh die flut
das war gut
ihr neuronen
nicht mehr schalten
bleibt beim alten

gigolo
troll dich beau
glut erloschen
kriegst drei groschen


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13 Mutter der rote Turm
Neigt sich
Fällt
Versinkt
Mutter hilf doch
Langsam schließen sich die Wasser
Als wäre nichts geschehen


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14 sprecht nicht
von heimat
von dem land
wo alles
zum erstenmal war
risse ich selbst
die tür auf
ihr könntet
nicht hinein
nicht
wie ihr
bin ich
nicht
durch euch
sondern trotzdem


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15 vielleicht
fragt man uns
später
nach diesem herbst
ach wir
die wir kaum noch schatten warfen
und die augen schlossen
vor den feuern in den wipfeln
und der fäulnis unter den buchen
wir waren in jenem herbst
helden toren und komödianten
nichts galt mehr
nicht unsere lieben
nicht unsere jahre
unsagbar schwer
pulsierte das leben
von innen her
vielleicht fragt man uns später
nach diesem herbst
nach den gläsernen tagen
und dem morgen
an dem die melisse erfror
ach wir
die wir dann
im gegenlicht die augen schließen
wie werden wir müde sein


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16 Das Licht der Sonne
Sehen wir nach acht Minuten
Vier Jahre braucht's
Vom nächsten Stern
In hundert Milliarden Galaxien
Bewegen sich hundert Milliarden Sterne
Von uns fort
In meinem Spinnennetz
Verweben sich Erinnerung und Zukunft
Liebe verwandelt sich in Schwerkraft
So daß du zurückkehren mußt
Auf den Bahnen der Gravitation
Ehe die Uhr abläuft
Drehn wir die Zeit um


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17 Nächtliche Bilanz
Die geprügelten Dichter
Der Einfall der Haie
Die Froschgesichter
Unser Gefühlsstau
Unser Geschwätz
In der Pfütze
Wie gewohnt
Liegt um Zwei
Der halbe Mond
Coca auf Eis
Graphitischrei
Bevors gen Morgen
Sich erhellt
Erfind ich mir
Die nächste Welt


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19 Manchmal
Mitten in der Vorstellung
Wünschte ich wohl
Der Vorhang fiele
Die Rolle falsch
Die falsche Bühne
Eine erbärmliche Regie
Des Publikum
Aus der Galerie
Hält sich für den Helden
Und kassiert die Gage
Wenn das so weiter geht
Stehl ich am Ende
Dem Hanswurst die Blamage
Ich steh schon im Hemd
Aber der Vorhang
Der Vorhang klemmt
Was bleibt
Ich stelle mich heiter
Und spiele weiter


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20 Es ist nicht so
Daß ich mich brauche
Ich käme ganz gut
Ohne mich aus
Ich werde mich
Bloß
Nicht los


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21 Weit entfernt von mir.
Muß ich mich finden
Wie kam ich nur
In dieses fremde Kleid
Ich bin das Blatt
In allen Winden .
Niemand hält mich
Keiner schreit
Von dem Augenblick
Dem schönen
Blieb mir nur
Der falsche Schein
Und der Mut
Zu stolzen Tönen
Wird mir bald
Verkommen sein
Bin das Blatt
In allen Winden
Längst vergessen
Wer ich war
Nur die Schellenklänge
Künden
Was ich bin
Ich bin ein Narr


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22 Rückt zusammen
Einen Platz am Kamin
Fünf Minuten Leben
Draußen ist Frost
Löscht nicht das Feuer
Mit höflichen Reden
Und weißen Gedecken
Aus Meißner Porzellan
Ich kam wirklich nur
Um diesen Moment Wärme


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23 Wenn du dann gehst
Schließ die Tür
Aber noch nicht jetzt
Laß uns noch die Frucht teilen
Und reden
Daß kein Wort verlorengeht
Sieh doch ich lache
Ich bin lustig
Wenn du dann gehst
Schließ die Tür
Leise


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24 komm ich
heim liegt
hinter der tür
meine wohnung
wie ein
hungriges tier
wIe sIch
meine poren
schließen
die haut
sich spannt
den brustkorb
preßt
wie laut
die stille
das blut
in den ohren
dröhnen
läßt
mein kopf
wird
zum stein
bin allein


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25 Nichts mehr wollen
Weil schon alles
Gewesen ist
Nur noch den Fandango
Auf ihr Kastagnetten
Schlag Tamburin
Spart euer Grinsen
Caballeros
Leicht wird mir
Unerträglich leicht


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26 In der Mainacht
Balanciert noch
Immer derselbe
Gelbe Mond
Auf dem Antennenmast
Rotäugig glotzt der
Schornstein herüber
Auf dem Balkon
Duftet
Jelängerjelieber
Und wieder läßt
Sich die Eule
Auf dem Dachrand
Nieder
Für all den Aufwand
Danke ich sehr
Doch muß ich enttäuschen
Ich fliege nicht mehr


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27 manchmal
bin ich
sehr allein
ich sag das nur
damit ich weiß
ihr wißt
was mit mir ist
wenn ihr
vielleicht
in einem Stau
an mich denkt
seht doch nicht
gleich
auf die uhr
ich weiß
ihr könnt
es euch
eigentlich
nicht leisten
bleibt nur
mir geht
es gut
wie ihr seht
man tut viel
für mich
es ist
nicht ansteckend
und durch mich
sind meine Freunde
statistisch gesehen
gesund
und jetzt
könnt ihr
mit gutem gewissen
gehn


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28 In jenen Mainächten
In denen
Die Forsythien
Aus den Anlagen
Leuchten
In denen sich
Der letzte
Winkel der Stadt
Mit dem Duft
Der Mahonien füllt
In denen es
Aus den U-Bahnschächten
kühl heraufweht
In solchen Nächten.
Die nie halten
Was sie versprechen
Kann es geschehn
Es singt
Im Lampenschein
Eine Amsel
Wenn ich könnte
Ich würde ihr
Den Hals umdrehn
Und dem Hahn
Auf dem Mist
Gleich dazu
Dann wäre
Endlich Ruh


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29 Wenn ich gehen müßte
An diesem stillen Oktobertag
Mit dem Nebel im Haar
Und dem Frösteln auf der Haut
Ich wehrte mich nicht
Denn alle Liebe in mir
Ist schon verbraucht
Nur der Geruch
Zerborstener Kastanien
Hält mich noch


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31 ich bin
die welt
im kleinen
das viel
in einem
bin unten
und auch
oben

gerade
bin ich
und verwoben
bin teil
des seins
bin alles
und keins
im weniger
das mehr
ich bin
zu sehr


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32 gevatter
tröster du
würde deiner finsternis
breite nun
über mich
nur einen kurzen weg noch
wollen die füße
tragen mich
später wollen sie ruhn


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33 Noch wölbt sich
Uber der Laube
Das sonnenblättrige Grün
Die Disteln und die Malven
Wetteifern noch
Doch in der Mauerfuge
Hängt leer das Vogelnest
Und unterm Brückenbogen
Hat sich im Dorngeäst
Die Zeit verfangen
Für diesen Augenblick
Und ist doch schon vergangen
Und kehrt nie mehr zurück.


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34 Manchmal möchte ich wohl
Wie der Herbstwind toben
Hochfahrend mich drehn
Und die Wolken jagen
Bis der Himmel klar wird
Muß aber bleiben
Meine Wurzeln tiefer treiben
Ins Erdreich ins bittere
Bäume stürzen sehn
Muß Grashalm sein
Und als Grashalm stehn


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35 Irgendwo
Zwischen ganz verloren
Und lichtem Land
Hält mich noch immer
Die rissige Erde
Ich könnte mir einreden
Es verhielte sich umgekehrt
Auch irgendeine ndere Logik
Wäre von einem gewissen Interesse
Aber nichts ist so schön
Wie die Vorstellung
Daß die rissige Erde
Mich noch immer
Und bei jedem Wetter
Zwischen lichtem Land
Und ganz verloren
Auf halbem Wege
Irgendwo
Hält


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